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Mein persönlicher Gesundheitstipp: Trekking, verstanden als Weitwandern in geografischen Gebieten mit wenig oder keiner Infrastruktur, ist eine ganzheitliche und wirksame Methode zur Förderung der persönlichen Gesundheit. Körper und Seele kommen auf ihre Rechnung und erhalten Raum und Lust zu Veränderung und Entwicklung.



Zu Fuss vom Genfersee ans Mittelmeer

von Stefan Brändlin (Text und Bilder)

Die Überquerung der französischen Westalpen auf den Fernwanderrouten GR 5 und GR 52 bietet Naturspektakel, Alltagskontraste, körperliche Leistung und Selbsterfahrungen à la carte. Dieses einzigartige Trekking kann am Stück oder auch in Etappen durchgeführt werden.

Am Anfang war die Faszination. Die wilden, dünn besiedelten Landschaften der französischen Alpen hatten es mir schon mit 19 Jahren aus Mini Coopers Perspektive angetan. Die Fahrt in den Licht- und Wärme-durchfluteten Süden meiner Sehnsüchte führte seither immer wieder durch diese grandiose Bergwelt. Die Idee, die Westalpen aus eigener Kraft zu Fuss zu überqueren, überfiel mich dann vor ein paar Jahren an einem Winterabend in der Badewanne: Die Alpentraverse vom Genfersee ans Mittelmeer - verteilt auf vier spätsommerliche Etappen - wurde  zu meinem persönlichen Gesundheitsförderungsprojekt.

Schaffe ich dieses Abenteuer?

Bereits der erste Gang in die Buchhandlung brachte den etwas irritierenden Volltreffer: In einer deutschsprachigen Outdoor-Handbuchreihe unter dem vielsagenden Titel Der Weg ist das Ziel stiess ich auf Band 107 eines gewissen Dr. Sven Deutschmann. Und begann über den GR 5, die Grande Traversée des Alpes, zu lesen: 700 Kilometer Trekking, mehr als 60'000 Höhenmeter rauf und runter, etwa 50 Pässe und Übergänge, vier Wochen Zeitaufwand im guten Fall… Würde ich das je schaffen?

Nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit, unter anderem mit einigen längeren und auch mehrtägigen Bergwanderungen, bewussterem Essen und ein paar ergiebigen Planungsstunden, ging’s im Spätsommer los. Zum erwähnten Handbuch waren inzwischen gutes Kartenmaterial, ein ziemlich wasserdichter 42-Liter-Rucksack, ein leichter Biwack- und ein noch leichterer Baumwollschlafsack, ausserdem bequeme Trekkingschuhe und eine kleine Apotheke hinzugekommen. Die gesamte Strecke auf vier Etappen über die gleiche Anzahl von Jahren verteilt, würde dieses Abenteuer für mich – die jeweilige Vorbereitungszeit miteinbezogen – zu einem handfesten Stück mehrjähriger persönlicher Gesundheitsförderung werden lassen.


Unterwegs nach Süden

Saint-Gingolphe heisst der kleine schweizerisch-französische Grenzort, wo der GR 5 seinen Anfang nimmt. Hier legt das Dampfschiff an, das von Montreux herkommend den Léman, den Genfersee, überquert. Nur wenige Schritte sind es über den Grenzbach Morge, bevor der Weg nach Süden gegen das Dörfchen Novel hinaufzieht. «Vous partez pour la Meditérranée? Bonne route!» klingt der heitere Gruss eines jungen Paars noch lange nach. Der Einstieg fordert eineinhalb Stunden Zeit und 600 schweisstreibende Höhenmeter, bevor in der “Auberge du Clozet“ eine Dusche wartet und der erste Rück- und Ausblick gehalten werden kann – bei einer Quiche Lorraine und einem gefälligen Pichet rouge des Hauses. Der Anfang ist gemacht.

Die nächsten Tage führen weiter hinauf und hinein in die Savoyer Alpen. Das Wetter macht mit und bald verläuft der GR 5 auf Höhen zwischen 1'000 und 2'200 Metern. Langsam aber sicher finde ich meinen Rhythmus und bin erstaunt, welch weite Distanzen in welch kurzer Zeit zu Fuss zurückgelegt werden können. Ein aussichtsreiches Etappenstück verläuft während einiger Stunden im Blick auf die zerklüfteten ’Dents du Midi’ auf Schweizer Boden durch das Val d’Illiez. Dort, in der einfachen Gîte d’étape ’Lapisa’, kennt die Gastfreundschaft nach einer achtstündigen Tagesetappe keine Grenzen. Der von der Älplerfamilie offerierte Malvoisie am rauhen Holztisch in der Abendsonne macht das Glück perfekt.

Bilder

oben:  am Lac de Roue auf 1'854 m

links:  Zwischenhalt am Lac Sainte-Anne auf 2'415 m

unten:  Berittener Schafhirte vor der Crête des Veyres

weiter unten:  Wegmarkierung auf dem Col Girardin (2'706 m)

ganz unten:  Rast auf dem Col de Mallemort (2'558 m)


Naturwunder, Hitze und Landflucht

Über Pässe und durch Täler, entlang von aussichtsreichen Hängen, glitzernden Seen, Bächen und Wasserfällen zieht sich der rot-weiss markierte Weg weiter Richtung Süden. Nach steilem Aufstieg auf den 2'370 Meter hohen Col du Brévent werde ich mit einem atemberaubenden Blick auf die Gletscherwelten des Mont Blanc-Massivs belohnt, einem der spektakulärsten Panoramen des ganzen Alpenraums. Hier genauso wie im ’Parc National de la Vanoise’ oder weiter südlich im Gebiet des ’Parc Régional du Queyras’ tummeln sich die Murmeltiere zu Dutzenden am Wegrand, aber auch Gemsen und Steinböcke zeigen sich: Im 68'000 Hektaren weiten Mercantour-Nationalpark leben heute 6'300 Gemsen, allein im ’Parc National de la Vanoise’ 1’200 Steinböcke.

Kurz vor der französischen Alpenstadt Briançon beginnt sich das Klima spürbar zu wandeln; es wird wärmer und trockener. Im Sommer bleibt die Hitze in den Tälern oft tagelang liegen, im Frühling und Herbst entladen sich vermehrt kurze, heftige Gewitter, nach welchen die Luft klar und frisch ist, die Weitsicht fast grenzenlos. Auch die Flora verändert im Verlauf dieser Alpentraverse ihr Gesicht. In den tieferen Lagen der Alpes de Provence prägen unverhofft Zypressen, Oliven- und Mandelbäume das Landschaftsbild.

Der stetige Rückgang der traditionellen Berglandwirtschaft seit den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts zeigt sich zunehmend in verwaldenden Alpweiden und brachliegenden Ackerterrassen. Die Bevölkerungszahl in den Südalpen hat sich innerhalb von hundert Jahren halbiert. Einzelne Dörfer sterben regelrecht aus und zerfallen. Fouillouse im Queyras etwa zählt heute noch fünf Einwohner, allesamt Mitglieder von drei Generationen derselben Familie, die dort (noch) eine sehr empfehlenswerte Auberge betreibt – der/die Wandernde dankt’s.


Zeitlos zu neuen Horizonten

Das Splitting der grossen Westalpentraverse in vier spätsommerliche Etappen hat sich bewährt. Zu Beginn jedes dieser Teilstücke drehen Alltagshektik und tausend vermeintliche Wichtigkeiten wirbelnd im Kopf, bevor nach einigen Stunden Ruhe einkehrt. Der zeitlose Rhythmus meines Atems und meiner Schritte bestimmt dann den Takt. Gedanken und Sinne werden frei, konzentrieren sich auf die Umgebung und auf wenige Themen: den Weg, das Wetter, die nächste Übernachtung. Essen und Trinken müssen sichergestellt, die eigenen Kräfte eingeteilt werden. Der innere und äussere Blick wird klarer und konzentrierter. Der Fokus auf Weniges klärt Wichtigkeiten und Rollen, während die umgebende Natur als Katalysator wirkt. Manch Grosses wird nichtig, Geringes gewinnt an Bedeutung; im weiten inneren und äusseren Raum formen sich neue Horizonte und Konturen, Einsichten und Entscheidungen.


Begegnungen und Einsamkeit

Manchmal unterwegs, spätestens aber abends beim Nachtessen und am Feuer in den Réfuges und Gîtes, kommt es zu vielfältigen Begegnungen: Mit Vater Neil und Sohn Tim aus Australien, welche von Slowenien her schon drei Monate im Alpenbogen unterwegs sind. Mit dem kalifornischen Chirurgieprofessor Ken und seinem Partner François aus Nordfrankreich. Mit der Amerikanerin Julie, dem Londoner Informatiker Steve oder dem Pariser Postbeamten Philippe, der unterwegs eben den Entscheid für eine berufliche Neuorientierung getroffen hat. Besonders dankbar bin ich dem Schafhirt Fréderic auf dem Col des Thures, der mir in seiner Hütte auf 2'100 Metern Höhe vor einem überraschenden Sturmregen Zuflucht bot und den besten Kaffee meines Lebens braute.

Die Balance zwischen Alleinsein und Gemeinschaft, zwischen Nähe und Distanz lässt sich selber bestimmen. Zwei Etappen plante ich bewusst als Solotour (eine davon mit Hund), die zwei andern in gut ausgewählter Begleitung. Beide Formen haben ihre besonderen Stärken und Herausforderungen. Den Härtetest absolviere ich auf einer Soloetappe an einem der wenigen, aber umso trostloseren Schlechtwettertage: Zunächst erwische ich in der Morgendämmerung die falsche Wegvariante mit einem Zusatzaufwand von zwei Stunden und 500 “unnötigen“ Höhenmetern, danach bin ich über sechs Stunden lang durch Regen, Wind und Kälte bis auf über 2'500 Meter Höhe unterwegs, ohne auch nur einem einzigen Menschen zu begegnen (indes einer grossen Kolonie von Murmeltieren). Das ferne, unwirkliche Winken eines Schafhirts durch den Nebel reicht danach schon aus, um eine mittelgrosse Portion Glückshormone auszuschütten.


Hinunter ans Meer


Der GR 5 wie auch der GR 52 sind über die meisten Strecken gut markiert. Sie erreichen auf 2'764 Metern ihren höchsten Punkt. Unersättliche Alpinisten können entlang der Route zusätzlich viele grossartige Berggipfel aller Schwierigkeitsgrade erstürmen. Innerhalb von drei bis achteinhalb Wanderstunden ist bei entsprechender Planung in jedem Gebiet eine Übernachtung mit einem einfachen warmen Abendessen und Frühstück möglich: In Frage kommen hierzu die ’Refuges’ des französischen Alpenclubs CAF, dann die von Privaten oder Gemeinden geführten ’Gîtes d’étape’ sowie besonders in Tal-Lagen auch Betten in Hotels und Privatunterkünften. Wer das Gewicht von Zelt und Kochutensilien nicht scheut, kann an unzähligen traumhaft gelegenen Plätzen biwakieren oder hin und wieder auch einen Campingplatz ansteuern.

In Saint-Dalmas im südlich gelegenen Valdebloretal muss die Entscheidung für eine von drei finalen Teilstück-Varianten getroffen werden: Der GR 5 steuert auf dem direktesten Weg nach Süden die Küstenstadt Nizza an. Der GR 52A zieht in südöstlicher Richtung via Col de Turini nach Sospel. Anders der GR 52, der nochmals für einen halben Tag nach Norden schwenkt, um danach ostwärts durch hochalpine Bilderbuchlandschaften über die legendären ’Refuge de Nice’ und ’Refuge des Merveilles’ entlang der italienischen Grenze nach Menton abzusteigen. Hier werfe ich die abgelaufenen Trekkingschuhe in den Sand und tauche nach 32 Wandertagen glücklich ins Wasser des Mittelmeers ein...

Informationen zum GR 5 und GR 52:

Die Bezeichnung ’GR’ steht für „Sentiers de Grande Randonnée“. Die ’GR’ stellen neben den Wander- und Ausflugswegen ’PR’ und den Landschaftswanderrouten ’GR de Pays’ als Fernwanderrouten die „Königsklasse“ der französischen Wanderwege dar.

GR 5: Outdoor-Handbuch ‘GR 5: Genfer See – Nizza’, Conrad Stein Verlag, www.conrad-stein-verlag.deGR 52: Topo Guide ‘Tinée-Vesubie, Vallée des Merveilles’, Fédération française de la randonnée pédestre, www.ffrandonnee.frGR 52A: ’Grande Randonnée 52A’, fernwege.de www.fernwege.de